von
Reinhard Koradi, Dietlikon <http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=1407#top>
«Soll
die Gentechnik traditionelle Pflanzen und Nahrungsmittel auf Acker
und Teller verdrängen? Um diese Frage ist in Europa eine heisse
Diskussion entbrannt. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung
(Deutschland) verspricht nämlich die Förderung von Gentechnik
im Interesse der Chemieindustrie. Die Verbraucher hingegen lehnen
das Essen aus dem Labor ab. Auch Landwirte wehren sich verzweifelt.»1
Auf dem Umschlag ist weiter zu lesen, dass sich transgene Pflanzen
in den USA, Kanada und Argentinien unkontrolliert verbreiten und
dem Saatgutriesen Monsanto jedes Mittel recht ist, um seine Monopolstellung
auf dem Saatgutmarkt zu festigen.
Wer sich weiter in das Buch vertieft, muss sich mit der harten Realität
eines Marktfeldzuges der Chemiegiganten gegen Kleinbauernfamilien
und die traditionellen landwirtschaftlichen Produktionsmethoden
auseinandersetzen. Das Buch von Antonio Inacio Andrioli und Richard
Fuchs (Hrsg.) ist aufrüttelnd, erschreckend und schwer verdaulich.
Der Leser wird mit einem skrupellosen Wirtschaftsgebaren konfrontiert,
das nur ein Ziel verfolgt: durch die weltweite Verbreitung von gentechnologisch
verändertem Saatgut die Welternährung zu beherrschen.
Auf einem Gentechnikkongress im Jahre 1999 wurde den Teilnehmern
das Unternehmensziel von Monsanto vorgestellt. «Binnen 15
bis 20 Jahren solle sämtliches Saatgut auf der Welt gentechnisch
verändert und damit patentiert sein. Die entscheidende Strategie,
die der Konzern verfolgen solle, so die Empfehlung der Arthur Anderson
Consulting Group, sei die Einflussnahme auf die US-Regierung. Deren
Rolle solle es sein, genmanipulierte Produkte auf die Märkte
der Welt zu bringen, bevor sich Widerstand regt. Die Industrie hofft
darauf, dass der Markt im Lauf der Zeit so überschwemmt wird,
dass man nichts mehr dagegen tun kann.»2
Ohne Rücksicht auf Tradition, Tierwohl, Umweltschutz und Lebensbedingungen
der ländlichen Bevölkerung – vor allem in den Entwicklungsländern
und den sogenannten Schwellenländern Brasilien und Argentinien,
verfolgt das Agro-Business seine Expansionspläne. Die
ländliche Kleinbauernwirtschaft blockieren die Ambitionen der
transnationalen Chemiekonzerne, die gesamte Nahrungsmittelproduktion
– vom Samen bis zum Supermarkt – zu beherrschen. Die
Kleinbauernwirtschaft muss daher der durch die Agro-Chemie beherrschten
industriellen Landwirtschaft weichen. Um diesen Verdrängungswettbewerb
zu gewinnen, werden massive Menschenrechtsverletzungen (zum Beispiel
in Paraguay) in Kauf genommen, Bauern durch Verträge, patentrechtliche
Verfahren und nicht gerechtfertigte Schadenersatzforderungen in
den Ruin getrieben. «Knebelverträge» bringen den
Bauern die Fremdbestimmung durch Konzerne.
Der beim Kauf von patentiertem Saatgut abgeschlossene Monsanto-Saatgut-Vertrag
«gibt Monsanto das Recht, Kontrollen auf dem Privatland der
Bauern durchzuführen, verpflichtet Bauern zu enormer finanzieller
Haftung und schreibt vor, welche Rechte einem Bauer in bezug auf
die Aussaat, die Ernte und den Verkauf gentechnischen Saatguts zustehen
und vor allem welche nicht».3 Schwerwiegend ist dabei auch,
das eines der ältesten Rechte der Bauern ausgehebelt wird,
Saatgut der eigenen Ernte aufzubewahren und wieder auszusäen.
Im Buch wird von seltsamen Ermittlungsmethoden von Monsanto berichtet,
um Verstösse gegen das Patentrecht zu ahnden. Einschüchternde
Drohbriefe folgen, und aussergerichtliche Vergleichszahlungen werden
erzwungen.
Bauern und Konsumenten verlieren
«Beherrsche
die Nahrung und du beherrschst die Menschen.» (Henry Kissinger)
Die Gen-Tech-Initiative ist eine Kampfansage an die Selbstbestimmung
der Völker und Menschen. Sollte die Agro-Chemie triumphieren,
werden wir nicht mehr entscheiden können, wie wir uns ernähren.
Mittels internationaler Verträge werden die Völker um
ihr Recht betrogen, die Selbstversorgung mit gesunden Nahrungsmitteln
sicherzustellen. Längst wurde die WTO zur Förderung genmanipulierter
Nahrungsmittel eingespannt. Das TRIPS-Abkommen (zwingender Bestandteil
des WTO-Vertrages) bietet unter anderem eine Voraussetzung zur Übernahme
der Weltnahrungsproduktion durch gentechnisch veränderte Organismen.4
Ergebnis dieser Globalisierungsinitiative wird die Monopolisierung
des Agrarmarkes, die kapitalistische Durchdringung der Familienlandwirtschaft
und der zunehmende Ausschluss der Kleinbauern sein.
Wie die Erfahrungen in den USA und in Kanada zeigen, ist der ökologische
Landbau wegen der Kontaminierung durch Gen-Technik zum Erliegen
gekommen. Die für die europäische Landwirtschaft so wichtige
Positionierung «gesunde und umweltgerechte Produktion»
würde durch ein weiteres Vordringen der Agro-Chemie zur Farce.
Europa, Deutschland und die Schweiz haben noch die Wahlfreiheit
Die
globale Offensive zur Verbreitung von GVO ist lanciert.
1971 gründeten die Fordstiftung, Weltbank und Rockefellerstiftung
die Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR)
Beratergruppe für internationale landwirtschaftliche Forschung
mit 16 Forschungszentren weltweit. Ausgerüstet mir einem Jahresetat
von 350 Millionen Dollar, konzentrierte sich die CGIAR in den letzten
Jahren auf den Transfer von genetisch veränderten Pflanzen
in die Entwicklungsländer.
Dies, obwohl keine der ursprünglichen Versprechungen der Agro-Gentechnik
gehalten werden konnte. Weder Ertragsteigerungen noch geringere
Produktionskosten (Senkung des Einsatzes von Unkrautbekämpfungsmittel)
konnten festgestellt werden. Es kam und kommt jedoch zu «Ernteeinbussen
und vor allem zu der von Monsanto beabsichtigten Steigerung des
Pestizidverbrauches […]. Eine Koexistenz zwischen Anbau mit
und ohne Gentechnik hat sich als Illusion erwiesen.»5
In verschiedenen Beiträgen wird auch auf die unhaltbaren Expertisen
hingewiesen, die vorgeben, dass genveränderte Organismen keine
Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt darstellten. Erfahrungen
zeigen jedoch ein ganz anderes Bild, wie die im Buch aufgeführten
Beispiele zeigen. Gentechnologisch bedingte Eingriffe in die Natur
gefährden Mensch Tier und Natur. Wir Konsumenten und Produzenten
müssen uns daher zusammenschliessen, um die unheilige Allianz
von Lobbyisten der Saatgut-Chemiekonzerne, interessengeleiteten
Wissenschaftern, der EU-Kommission und der deutschen Bundesregierung
zu durchbrechen. Der zunehmenden Verbreitung von genveränderten
Produkten können wir Einhalt gebieten, indem Druck auf Regierungen
und Volksvertreter ausgeübt wird.
Brüssel und Chemiekonzerne setzen seit langem auf eine grossindustriell
bewirtschaftete Landwirtschaft. In diesem Licht ist auch die innovationsfreundliche
Haltung der Bundeskanzlerin Merkel zu werten, die versprochen hat,
das Gentechnikgesetz umfassend zu überarbeiten. Vielleicht
ist sie «ermuntert» worden, für Monsanto neue Märkte
in Europa zu erschliessen.
Soweit wird es nicht kommen, sofern sich der Widerstand aus der
Bevölkerung weiter festigt.
Umwelt- und Verbraucherorganisationen haben Erfolge auszuweisen.
Wichtig ist, dass es gelingt, die «gekauften» Expertisen
durch wissenschaftlich seriöse Abklärungen zu ersetzen
und die geradezu fahrlässigen Zulassungsmethoden der zuständigen
Behörden zu stoppen. Auch müsste die Haftungsfrage bei
Verunreinigungen klar geregelt werden, und zwar so, dass die Chemieproduzenten
die volle Verantwortung übernehmen müssen. Es gibt somit
eine Reihe von Möglichkeiten, die Grundlagen für eine
gesunde und selbstbestimmte Ernährung zu erhalten. In der Schweiz
gilt es, das nationale Forschungsprogramm 59, «Nutzen und
Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen»
sehr genau zu verfolgen.
Das Buch «Die Saat des Bösen» ist Pflichtlektüre
für alle, die fit sein wollen, um die drohende Invasion der
Gentechnologie mit Argumenten aufzuhalten. •
Antonio
Inacio Andrioli, Richard Fuchs (Hrsg.). Agro-Gentechnik; Die Saat
des Bösen; emu-Verlag, ISBN 10: 3-89189-152-0
1 Buchrücken; Die Saat des Bösen
2 Die Saat des Bösen; Seite 31
3 Seite 87
4 Seite 174
5 Seite 25
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